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Sprachbewusstheit anbahnen

Sprachbewusstheit (language awareness) bedeutet:

“…a person’s sensitivity to and conscious perception of the nature of language and its role in human life.“ ( Donmall 1985:7),
„… the ability to think about and reflect upon the nature and functions of language“ (Pratt/Grieve 1984:2) 1

Sprachbewusstheit mit ihren unterschiedlichen Facetten in der Grundschule anzubahnen, ist Ziel des Englischunterrichts, selbstverständlich aber auch des Deutschunterrichts. Beide Fächer ergänzen und bereichern sich gegenseitig.

Der Begriff Sprachbewusstheit (language awareness) umfasst nach James & Garrett (1991:12-20) fünf Bereiche oder „Domänen“. Die Definitionen der Domänen sind zitiert nach Prof. Dr. Dieter Wolff. (Prof. Dieter Wolff: Englisch in der Grundschule 2: Grundlagen des Unterrichts)

    1. Die kognitive Domäne, in der es um die Entwicklung von Bewusstheit für Muster, Kontraste, Kategorien, Regeln und Systeme geht.

      Obwohl beim Spracherwerb alle Domänen wichtig sind, spielt die kognitive Domäne im traditionellen Fremdsprachenunterricht mit seinem hohen Anteil an Grammatikvermittlung und willkürlich festgelegter linguistischer Progression die größte Rolle. Im heutigen Fremdsprachenunterricht, in dem es um Handlungs- und Inhaltsorientierung, um Kommunikation und Interaktion geht, wird aber auch den anderen Domänen mehr Beachtung geschenkt, und die Auseinandersetzung mit der Grammatik erfolgt als Reflexion über Sprache und nicht – schon gar nicht in der Grundschule – als systematisches Einüben von grammatischen Phänomen.
      Dazu werden weiter unten grundschulgemäße Beispiele gegeben.

    2. Die Domäne der Performanz, in der es um die Herausbildung einer Bewusstheit für die Verarbeitung von Sprache, aber auch um die Herausbildung einer Bewusstheit für das Lernen im Allgemeinen und das Sprachlernen im Besonderen geht. Für letztere wird auch der Begriff Sprachlernbewusstheit gebraucht.

      Im Unterricht werden zur Entwicklung der language learning awareness Arbeitstechniken und  Lernstrategien eingeführt bzw. bewusst gemacht. Der Lernprozess wird reflektiert, die Kinder werden an eine realistische Selbsteinschätzung herangeführt und die Übernahme von Verantwortung für das eigene Lernen mit dem Ziel der Lernerautonomie  wird angebahnt.
    3. Die affektive Domäne, die sich auf die Herausbildung von Haltungen, Aufmerksamkeit, Neugier, Interesse und ästhetisches Einfühlungsvermögen bezieht.

      Das Interkulturelle Lernen zieht sich wie ein roter Faden durch den EGS. Die Beschäftigung mit authentischen Kinderbüchern, Liedern, Reimen etc. macht neugierig, verschafft z.B. Einblicke in die Zielsprachenkultur und regt zu Vergleichen mit der eigenen Lebenssituation an.  

    1. Die soziale Domäne, in der es um die Entwicklung von Verständnis für andere Sprachen, um Toleranz für Minoritäten und ihre Sprachen geht.

      Kinder mit Migrationshintergrund erfahren eine Wertschätzung ihrer Muttersprache und ihrer Kompetenz als Experten für das Fremdsprachenlernen, die deutschsprachigen Kinder entwickeln Achtung vor deren Kenntnissen und Fähigkeiten. Die Fehler, die sie möglicherweise noch in der deutschen Sprache machen, erhalten dadurch einen geringeren Stellenwert. Im Englischunterricht gibt es immer mal kurze Phasen, in denen Vergleiche zwischen Sprachen angestellt werden, wobei die Erstsprachen von Kindern mit Migrationshintergrund ausdrücklich einbezogen werden. (Ganz einfaches Beispiel: Wochentage: Im Deutschen steckt in fast allen das Wort „Tag“, im Englischen in allen das Wort „day“. Wie ist es in anderen Sprachen?)

  1. Die Domäne der Macht, die sich auf das Vermögen, Sprache im Hinblick auf die ihr unterliegenden Möglichkeiten der Beeinflussung und Manipulation anderer zu durchschauen, bezieht.

    Vor allem im Deutschunterricht, ansatzweise aber auch schon im EGS, können die Kinder auf die Wirkung von Werbetexten und Reklame, von Schimpfwörtern und Beleidigungen oder auch exclamations wie „Wow!“ „Stop!“ aufmerksam (gemacht) werden.

Mit dem Europäischen Portfolio der Sprachen (EPS) lassen sich viele Aspekte der Sprachbewusstheit thematisieren und dokumentieren.

Zur kognitiven Domäne von language awareness
Auch wenn – wie oben erwähnt – alle Domänen im Unterricht eine Rolle spielen,  soll hier noch einmal genauer auf die kognitive eingegangen werden, um die Andersartigkeit von Nachdenken über Sprache in der Grundschule gegenüber traditioneller Grammatikunterweisung zu verdeutlichen.

Die englische Grammatik wird im Grundschulunterricht nicht als System vermittelt. Grammatische Strukturen und Formen werden – wie Redemittel und Wortschatz – immer im konkreten situativen und inhaltlichen Zusammenhang als mehr oder weniger komplexe Einheiten bzw. frequente Formen erworben.

Anfangs nehmen die Kinder die Strukturen als chunks auf und wenden diese in der Situation, in die sie eingebettet ist, richtig an, weil sie sie durch häufiges Hören, Mit- und Nachsprechen auswendig beherrschen.
Über dieses auswendig Beherrschte hinaus versuchen die Kinder auf ihrem Weg zum konstruierenden und produzierenden Gebrauch der Sprache aber auch, Aussagen zu variieren und auf andere Situationen zu übertragen und machen dabei u. U. entwicklungsbedingte Fehler. Dadurch ergeben sich im Unterricht Gelegenheiten, über Sprache zu reflektieren und Vergleiche mit der deutschen oder der Herkunftssprache anzustellen.

So liefern die Kinder selbst Impulse, wenn sie über sprachliche Phänomene „stolpern“ und nach Erklärungen suchen oder sie einfordern. Die Lehrkraft greift Fehler im Sprachgebrauch als willkommene Lernchance auf, um Informationen an der Stelle zu geben, wo sie benötigt werden.

Umgang mit Fehlern; vgl. z.B. auch

Wenn ein Kind im 2. oder 3. Schuljahr z.B. von legs and *foots spricht, wird die Lehrkraft zunächst die richtig erfolgte regelmäßige Pluralbildung bei leg – legs positiv herausstellen dann aber auf die Unregelmäßigkeit bei foot – feet aufmerksam machen, Beispiele zur Pluralbildung im Deutschen finden lassen und das Sammeln weiterer Substantive im Singular und Plural im Englischen anregen. Kinder mit Migrationshintergrund können Vergleiche zu ihrer Sprache einbringen. Daraus kann sich die einfache Formulierung einer Regel zur Pluralbildung im Englischen ergeben, z.B.:
„Die Mehrzahl hat ein -s am Ende. Es gibt aber auch Ausnahmen, z.B. …“ 

Das, was die Kinder über die Sprache herausfinden, wird auf einem Plakat in der Klasse ausgehängt oder/und von jedem Kind notiert und im English folder oder im Dossier des Sprachenportfolios abgeheftet und im Lauf der Zeit immer wieder ergänzt. So kann eine kindgemäße, individuelle „Grammatik“ entstehen, die bei Bedarf eingesehen werden kann. Die Kinder entwickeln auf diese Weise language awareness, die sie nach und nach unabhängiger von auswendig Beherrschtem werden lässt.

Die Lehrkraft arrangiert vielfältige Lerngelegenheiten zur Sprachreflexion. So können Ähnlichkeiten und Unterschiede bei Vergleichen zwischen der englischen Sprache und der deutschen (sowie der Herkunftssprachen) im Wortbereich, in der Schreibung, in der Aussprache, im Satzbau gefunden werden. Die geschriebene Sprache wird dabei ausdrücklich mit einbezogen, da sich dadurch das Spektrum der Entdeckungsmöglichkeiten erheblich erweitert und die Ergebnisse gut dokumentiert werden können.
Sammlungen für Ähnlichkeiten zwischen Deutsch und Englisch bieten sich für Wortfelder zu vielen Themen an (z. B. colours, my body, days of the week, months etc.).

Dass Sprachähnlichkeiten eine entscheidende Verständnis- und Merkhilfe darstellen, wird den Kindern sicher bei solchen Zusammenstellungen deutlich (language learning awareness).

Eine wichtige Hilfe für das Sprachenlernen im Sinne von language awareness ist auch, dass Kinder Bedeutungsunterschiede sowohl bei ähnlich klingenden Wörtern (z.B. mouse – mouth; pig – pick; bag – back) als auch bei Strukturen erkennen bzw. vermittelt bekommen. Wenn Kinder zum Beispiel über ihre Vorlieben und Abneigungen sprechen wollen, müssen sie I like (bzw. I don’t like oder I hate) beherrschen, ganz gleich, um welches Thema es geht. Wenn sie aber Wünsche beim Einkaufen, am Kiosk, im Imbiss ausdrücken wollen, benötigen sie die Struktur I’d like (I would like).

Es gibt in der aktuellen Fachdidaktik vereinzelt auch Stimmen, die – im Widerspruch zum Ansatz in Nordrhein-Westfalen – „regelgeleitetes Lernen“ schon für den Englischunterricht in der Grundschule propagieren und z.B. vorschlagen, bereits in der 1. Klasse mit Kindern die Verwendung des –s in der Verbform der 3. Person Singular einzuüben.2 Die Erwerbsstufen nach Pienemann 3 und vielfältige Erfahrungen mit Sprachenlernern in der Praxis zeigen aber, dass gerade diese grammatische Form erst sehr spät erworben wird und frühzeitiges Üben hier keinen nachhaltigen Erfolg bringt, ganz abgesehen davon, dass diese Form für die Kommunikation nicht von Bedeutung ist im Gegensatz zu grammatischen Phänomen wie dem past tense, das nach der traditionellen grammatischen Progression erst später vermittelt wird.

Wolff stellt heraus:
„In   allen  wissenschaftlichen  Überlegungen wird deutlich, dass die Förderung von Sprachbewußtheit nicht mit traditionellem Grammatikunterricht gleichgesetzt werden darf. Sprachbewußtheit kann nur unter Rahmenbedingungen gefördert werden, die sich durch Handlungsorientierung, Problemorientierung und Eigentätigkeit der Lernenden charakterisieren lassen.“ 4

Grießhaber macht deutlich:
„Lernende sind ziemlich resistent gegenüber angelernten Grammatikregeln. Sie können die Regeln ( …) auf Beispielsätze anwenden, können sie aber nicht  kommunikativ im Gespräch oder beim Schreiben verwenden.
Kommunikativ verwendbare Grammatikregeln erwachsen aus einer großen Menge sprachlicher Äußerungen, die der Lernende aufgenommen und verarbeitet hat.“ 5

Eine ähnliche Aussage macht der Neurowissenschaftler M. Spitzer – zwar allgemein im Hinblick auf das Lernen in der Schule, aber übertragbar auf das Englischlernen in der Grundschule:
„… dass es nicht darum gehen kann, stumpfsinnig Regeln auswendig zu lernen. Was Kinder brauchen, sind Beispiele. Sehr viele Beispiele und wenn möglich die richtigen und gute Beispiele. Auf die Regeln kommen sie dann schon selbst.
Jedoch selbst dann, wenn es vermeintlich darum geht, eine Regel zu lernen, sind Beispiele wichtig. Nur dann, wenn die Regel immer wieder angewendet wird, geht sie vom expliziten und sehr flüchtigen Wissen im Arbeitsgedächtnis in Können über, das jederzeit wieder aktualisiert werden kann.“ 6 

 


1 Zitiert nach Wolff, D.: Zur Förderung von Sprachbewußtheit und Sprachlernbewußtheit im bilingualen Sachfachunterricht.

2 vgl. Mindt, D./Wagner, G. (2009): Innovativer Englischunterricht für die Klassen 1 und 2. Braunschweig: Westermann insbesondere S. 90 ff und 227 ff

3 vgl. Pienemann, M. et al.: Englischerwerb in der Grundschule. Ein Studien- und Arbeitsbuch. Paderborn: Schöningh

4 Wolff, D.: Zur Förderung von Sprachbewußtheit und Sprachlernbewußtheit im bilingualen Sachfachunterricht.

5 Erschienen in: "Deutsch in Armenien" Teil 1: 1/2001, 17-24; Teil 2: 2/2001, 5-15. Jerewan: Armenischer Deutschlehrerverband http://spzwww.uni-muenster.de/griesha/pub/tdaz-eri.pdf

6 Spitzer, M. (2007): Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Heidelberg: Elsevier, Spektrum Akademischer Verlag, S. 78


 

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