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Zweitsprachenerwerb

Autor: Prof. Dr. Dieter Wolff

Einleitung

Abbildung: ZweitsprachenerwerbViele Menschen, welchen wir im Alltag begegnen, sprechen mehr als nur ihre Muttersprache. Sie haben eine zweite Sprache in der Schule gelernt, in Deutschland meist Englisch und später vielleicht auch Französisch. Für andere ist das Deutsche die zweite Sprache; ihre erste Sprache haben sie in der Familie gelernt und das Deutsche zunächst nur in der Schule. Neben diesen Sprechern, deren Zweisprachigkeit weitgehend auf ihren Migrationshintergrund zurückzuführen ist, gibt es auch solche, die zweisprachig sind, weil sie aufgrund des verschiedensprachlichen Hintergrunds ihrer Eltern gleichzeitig zwei Sprachen gelernt haben. Vielleicht ist es übertrieben zu sagen, dass Zweisprachigkeit die Regel und Einsprachigkeit die Ausnahme ist, die Zahl mehrsprachiger Menschen ist jedoch größer, als man gemeinhin annimmt.

In diesem Beitrag gebe ich zunächst einen kurzen Überblick über die verschiedenen Formen des Zweitsprachenerwerbs. Im zweiten Abschnitt geht es mir darum, die wesentlichen Unterschiede zwischen diesen Formen herauszuarbeiten. Im dritten Abschnitt werden einige Ergebnisse der Zeitsprachenerwerbsforschung skizziert, die für den schulischen Zweitsprachenerwerb von Interesse sind. Im letzten Abschnitt sollen dann einige Aussagen zu den Beziehungen zwischen der Zweitsprachenerwerbsforschung und der Fremdsprachendidaktik, die vor allem für den schulischen Zweitsprachenerwerb zuständig ist, gemacht werden.

Formen des Zweitsprachenerwerbs

In der Literatur zum Spracherwerb finden wir zwei Begriffe, die Formen sprachlicher Erwerbsprozesse bezeichnen: Muttersprachenerwerb oder L1-Erwerb (eng. first language acquisition) und Zweitsprachenerwerb oder L2-Erwerb (eng. second language acquisition). Es hat sich eingebürgert, auch die verschiedenen Formen des Erwerbs weiterer Sprachen unter dem Begriff Zweitsprachenerwerb zusammenzufassen. Er umfasst also auch den Erwerb einer dritten und weiterer Sprachen, obwohl sich seit geraumer Zeit hierfür auch der Begriff Tertiärsprachenerwerb eingebürgert hat. Für unseren Zusammenhang wichtiger ist allerdings die in der Forschung vorgenommene Trennung in drei unterschiedliche Formen des Erwerbs weiterer Sprachen:
  1. der gleichzeitige oder kaum verzögerte Erwerb zweier Sprachen (Bilingualismus),
  2. der natürliche Zweitsprachenerwerb,
  3. der institutionalisierte Zweitsprachenerwerb.
Der erste Begriff bezieht sich auf eine Form von Erwerb, die man vor allem in elitären Kontexten vorfindet, wenn die Eltern eines Kindes unterschiedliche Muttersprachen sprechen und das Kind beide Sprachen mehr oder weniger gleichzeitig lernt. Zweisprachigkeit dieser Art kann auch in Migrationskontexten entstehen, wenn ein Kind in der Familie eine Sprache lernt und schon sehr früh im außerhäuslichen Kontext mit der Verkehrssprache des Landes in Berührung kommt, in welchem es lebt.

Der Übergang zur zweiten Erwerbsform, dem natürlichen Zweitsprachenerwerb (natural second language acquisition), lässt sich nicht genau festlegen. Meist spricht man von natürlichem Zweitsprachenerwerb, wenn ein Kind mit dem Erwerb der zweiten Sprache erst dann beginnt, wenn die Grundlagen in der Muttersprache bereits gelegt sind. Der natürliche Zweitsprachenerwerb wird in seiner Reinform vom Kind ohne Hilfestellung anderer geleistet: es findet keinerlei Vermittlung statt. Das Kind lernt die zweite Sprache in der Interaktion mit anderen, meist Muttersprachlern dieser Sprache. Damit unterscheidet sich der natürliche Zweitsprachenerwerb vom institutionalisierten Zweitsprachenerwerb, der dritten Erwerbsform.

Als kennzeichnendes Merkmal dieser dritten Erwerbsform wird die Instruktion oder Vermittlung angesehen, wobei der Begriff hier in seiner weitesten Auslegung verwendet wird: im Englischen spricht man auch von instructed second language acquisition or learning, im Deutschen von gesteuertem Zweitsprachenerwerb. Seit geraumer Zeit wird im Deutschen auch der Begriff institutionalisierter Zweitsprachenerwerb verwendet, der besser als die anderen Begriffe den derzeitigen Stand der Zweitsprachenerwerbsforschung wiedergibt. Diese hat, wie noch darzustellen sein wird, herausgefunden, dass der Erwerb einer weiteren Sprache nur in geringem Maße durch Instruktions- und Vermittlungsprozesse von außen, d.h. also durch einen Lehrer, beeinflussbar ist. Unter institutionalisiertem Zweitsprachenerwerb verstehen wir also alle Formen des Erwerbs einer weiteren Sprache, die nicht in natürlichen sondern in schulischen Kontexten vor sich gehen. Zu diesen gehören neben der Grund- und weiterführenden Schule auch Kontexte wie private Sprachenschulen, Volkshochschulen, Universitäten etc., also alle Orte, an welchen Sprachen organisiert vermittelt und gelernt werden.

Es ist an dieser Stelle noch eine Anmerkung zur Verwendung der Begriffe „erwerben“ und „lernen“ erforderlich. In meinen bisherigen Ausführungen habe ich überwiegend den Begriff Spracherwerb verwendet, allerdings auch vom Sprachlerner gesprochen. Im Gegensatz zu anderen Forschern (z.B. Krashen) sehe ich keinen relevanten Unterschied zwischen „erwerben“ und „lernen“, ziehe ersteren Begriff allerdings vor, weil er besser als letzterer die Unabhängigkeit des Prozesses unterstreicht, den der Lernende durchführt. Allerdings ist es sprachlich nicht möglich, vom „Spracherwerber“ zu sprechen; deshalb benutze ich hier den Begriff „Sprachlerner“.

Abschließend zu diesem Abschnitt soll darauf hingewiesen werden, dass wissenschaftliche Konstrukte wie die drei hier vorgestellten Kategorien der Erwerbswirklichkeit natürlich nicht standhalten. Der Lerner, der seine zweite Sprache nur in natürlichen Kontexten erwirbt, existiert genauso wenig wie der Lerner, der sie nur in der Schule oder an einem anderen Ort des institutionalisierten Lernens gelernt hat. Durch die Globalisierung unserer Welt kommen Menschen beständig mit anderen Sprachen auch außerhalb der Schule in Berührung und benutzen das, was sie verarbeitet haben, auch in ihren schulischen Erwerbsprozessen. Grundschulkinder „können“, wie wir wissen, schon ein wenig Englisch, wenn sie zum ersten Mal mit der neuen Sprache in der Schule in Berührung kommen. Und Kinder mit Migrationshintergrund lernen Deutsch nicht nur auf der Straße in Gesprächen mit ihren Spielgefährten sondern auch in organisierter Form in institutionalisierten Kontexten. Trotzdem kann die Klassifizierung dazu beitragen, auf wichtige Unterschiede zwischen Zweitsprachenlernern hinzuweisen und ihr unterschiedliches Verhalten bei Erwerbsprozessen zu berücksichtigen.

Unterschiede zwischen dem Muttersprachenerwerb und den verschiedenen Formen des Zweitsprachenerwerbs

Im Folgenden wird versucht, einige der Unterschiede herauszuarbeiten, die zwischen dem Muttersprachenerwerb und den verschiedenen Formen des Zweitsprachenerwerbs bestehen; gleichzeitig soll aber auch auf Unterschiede zwischen diesen Formen selbst eingegangen werden.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Erwerb jeder weiteren Sprache in enger Beziehung zu der zunächst gelernten Sprache, der Muttersprache, steht. Die Muttersprache ist die Folie, vor der jede weitere Sprache erworben wird. Der Muttersprachenerwerb unterscheidet sich durch drei wichtige Aspekte von fast allen Formen des L2-Erwerbs:
  1. Das muttersprachliche Kind entwickelt sich gleichzeitig sprachlich und kognitiv, d.h. die Sprache stützt die kognitive Entwicklung und die kognitive Entwicklung fördert die Sprachentwicklung. Dies geschieht (mit Ausnahme des Bilingualismus) beim Zweitsprachenerwerb nicht: die kognitive Entwicklung ist der sprachlichen immer voraus.
  2. Das muttersprachliche Kind hat, wenn es mit dem Spracherwerb beginnt, keinerlei Erfahrung mit Sprache und dem Erwerb von Sprache. Der L2-Lerner besitzt diese Erfahrungen hingegen und setzt sie beim Erwerb der neuen Sprache auch ein.
  3. Die Tatsache, dass der L2-Lerner qua Definition bereits eine Sprache kennt, wenn er mit dem Erwerb der zweiten Sprache beginnt, führt dazu, dass zweitsprachliche Äußerungen des Lerners durch die Muttersprache beeinflusst werden (Transfer, Interferenzen). Man kann erkennen, welche Muttersprache ein L2-Lerner spricht. Es gibt auch Einflüsse von dritten Sprachen auf zweite Sprachen und umgekehrt.
Zwischen den drei Formen des L2-Erwerbs gibt es ebenfalls eine Reihe von Unterschieden:
  1. Bilingualismus und natürlicher L2-Erwerb zeichnen sich durch Merkmale aus, die sie dem L1-Erwerb vergleichbar machen: dazu gehört, dass der Input ähnlich wie beim L1-Erwerb weitgehend unstrukturiert und von unterschiedlicher Komplexität ist. Beim institutionalisierten L2-Erwerb ist der Input hingegen strukturiert und überwiegend reduziert (d.h. auf den jeweiligen Sprachstand des Lerners hin ausgerichtet). Hierfür wird der Begriff der Progression verwendet.
  2. Beim Vergleich der drei Formen des Zweitsprachenerwerbs wird deutlich, dass ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal die Länge des Kontaktes ist, den der Lerner mit der zu erwerbenden Sprache hat. Im Englischen spricht man hier von exposure time. Es ist zweifellos so, dass das bilinguale Kind und auch der natürliche L2-Lerner sehr viel länger mit der zu lernenden Sprache in Kontakt kommen als der institutionalisierte L2-Lerner. Die geringere Kontaktzeit soll beim institutionalisierten L2-Erwerb durch die organisierte und systematische Vermittlung ausgeglichen werden. Wie schon angedeutet, gibt es aber gerade hieran Zweifel.
Als wichtige Gemeinsamkeit zwischen allen Formen des Spracherwerbs – ob es sich nun um L1- oder L2-Erwerb handelt – zeigt sich immer mehr, dass der Erwerb einer Sprache nicht so sehr durch die Vermittlung von Regeln als vielmehr durch ihren Gebrauch befördert wird. Sprachlernen ist Sprachgebrauch: das weiß die Mutter, die dem Kind beim Erwerb der Muttersprache behilflich ist, dies sollte auch der Lehrer beherzigen, der für den Erwerb einer weiteren Sprache Verantwortung trägt.

Zweitsprachenerwerbsforschung

Die Zweitsprachenerwerbsforschung ist eine von mehreren Disziplinen, die sich mit dem Erwerb von Sprache beschäftigen. Ihr am nächsten steht die Fremdsprachendidaktik, aber auch die Pädagogik, die Philosophie (als Erkenntnistheorie), die Psychologie und die Linguistik haben sich mit Fragen des Erwerbs von Sprache beschäftigt. Der wichtigste Unterschied zur Fremdsprachendidaktik liegt darin, dass sich die L2-Forschung vor allem mit dem Lerner und seinen Erwerbsprozessen beschäftigt, während das Interesse der Fremdsprachendidaktik überwiegend beim Lernort Schule und den Prozessen liegt, die dort beim Erwerb einer Sprache ablaufen. Fremdsprachendidaktik wird häufig auch als Theorie und Praxis des Lehrens und Lernens von Sprachen bezeichnet und beschränkt sich daher aus Lernersicht weitgehend auf den institutionalisierten Spracherwerb. Zwischen der L2-Forschung und der Fremdsprachendidaktik hat sich vor etwa 30 Jahren eine weitere Disziplin angesiedelt, die so genannte Sprachlehr- und Lernforschung, die sich mit schulischen Lehr- und Lernprozessen beschäftigt und dies wie die L2-Forschung überwiegend empirisch tut.

Was sind nun die zentralen Aspekte, mit welchen sich die L2-Forschung beschäftigt? Ich greife vor allem diejenigen heraus, die auch für den schulischen L2-Erwerb von Interesse sind:
  1. Analyse der Lernersprache,
  2. Analyse der Faktoren, die den L2-Erwerb beeinflussen,
  3. Analyse der individuellen Unterschiede zwischen L2-Lernern,
  4. Entwicklung von Theorien zum L2-Erwerb.
Die Lernersprachenforschung war immer ein zentrales Anliegen der L2-Forschung. Die Analyse der sprachlichen Äußerungen eines Lernenden kann dazu beitragen, mehr über den zweitsprachlichen Erwerbsprozess in Erfahrung zu bringen. Schon sehr früh erkannte man z.B., dass Lerner, wenn sie die neue Sprache benutzen, Fehler machen, die auf die Muttersprache zurückzuführen sind. Man nennt solche Fehler Interferenzen. Beispiele: die Aussprache des Englischen /th/ durch den deutschen Lerner; die Verwechselung des Englischen become mit dem Deutschen bekommen etc. Erst später zeigte sich auch, dass Lerner Regeln der Muttersprache in die Fremdsprache übertragen und somit grammatische Interferenzen entstehen. In der Forschung konnte in diesem Zusammenhang gezeigt werden, dass Lerner auch Regeln der Muttersprache übertragen, die keine Interferenzen hinterlassen, weil sie in beiden Sprachen identisch sind. Man spricht in diesem Zusammenhang von positivem Transfer. Während diese lernersprachlichen Merkmale systematisch erklärt werden konnten, finden sich aber auch andere Abweichungen von der Zielsprache, die zunächst nicht erklärbar waren. Eine Erklärung dafür ergibt sich aus der Annahme, dass L2-Lerner wie muttersprachliche Kinder beim Erwerb einer bestimmten Sprache eine natürliche Abfolge durchlaufen, d.h. sie können bestimmte grammatische Phänomene dieser Sprache erst dann erwerben, wenn sie andere bereits erworben haben (Beispiel: das /s/ der 3.Person Singular kann im Englischen erst erworben werden, wenn vorher eine Reihe anderer grammatischer Phänomene erworben wurde). Die Abweichungen, die daraus entstehen, nennt man im Englischen developmental errors.

Während die Lernersprachenanalyse anfänglich also vor allem auf Abweichungen von der Zielsprache (Fehler) abhob, wurden im weiteren Verlauf der Untersuchungen andere Merkmale herausgearbeitet; z.B. konnte gezeigt werden, dass die Lernersprache in hohem Maße durch Vermeidungsstrategien gekennzeichnet ist, die Lerner einsetzen, wenn sie sich z.B. sprachlich nicht gut genug fühlen, sich zu einem bestimmten Thema zu äußern. Grammatische Vermeidungsstrategien zeigen sich darin, dass eine bestimmte grammatische Regel vermieden wird, z.B. die Regel, welche die if-clause bestimmt, und deshalb keine if-clauses gebildet werden.

Die Analyse der Faktoren, die den L2-Erwerb beeinflussen, hat ebenfalls zu reichen Ergebnissen geführt. Gemeinhin wird zwischen internen und externen Faktoren unterschieden. Bei den internen Faktoren werden Intelligenz, Begabung, Persönlichkeit, Motivation und Alter genannt, zu den externen gehören vor allem soziale Faktoren sowie Input und Interaktion. In der L2-Forschung konnte z.B. gezeigt werden, dass eine Korrelation zwischen Intelligenz und Sprachlernerfolg hergestellt werden kann und dass diese Korrelation im Hinblick auf bestimmte Fähigkeiten besonders stark (Schreiben, Lesen), im Hinblick auf andere (mündliche Kommunikationsfertigkeiten) hingegen irrelevant ist. Die Analyse von Persönlichkeitsfaktoren hat gezeigt, dass extrovertierte Menschen erfolgreicher beim Sprachlernen sind als introvertierte. Die Motivation ist ein in hohem Maße erfolgssteigernder Faktor beim L2-Erwerb, wobei sowohl integrative als auch instrumentelle Motivation den Lernerfolg beeinflussen. Auf den Faktor Alter soll in diesem Zusammenhang nicht eingegangen werden; die L2-Forschung hat viele unterschiedliche Erkenntnisse zusammengestellt, die darauf hinauslaufen, dass das Alter den Lernerfolg prinzipiell nicht beeinflusst, jedoch Auswirkungen auf die vom Lerner eingesetzten Lernverfahren hat. Der soziale Kontext prägt die Haltungen, die ein Lerner gegenüber der fremden Sprache hat, und beeinflusst damit auch seine Motivation.

Die Analyse der individuellen Unterschiede wurde ähnlich intensiv untersucht. Die L2-Forschung konnte nachweisen, dass individuelle Lernstile den Spracherwerbsprozess beeinflussen, z.B. der visuelle Lernstil (Lerner zieht verschriftete Lernitems vor) oder der auditive Lernstil (Lerner kann gesprochenen Input besser verarbeiten). Von besonderer Bedeutung ist auch die Analyse der Lernerstrategien. Es gibt viele Klassifikationsraster für Lernerstrategien; die Aufteilung in Gedächtnisstrategien, kognitive Strategien, Kompensationsstrategien, metakognitive Strategien, affektive und soziale Strategien ist besonders schlüssig.

Natürlich hat sich die L2-Forschung ähnlich der L1-Forschung darum bemüht, eine Erwerbstheorie zu entwickeln. Es ist in diesem Zusammenhang nicht möglich, die Vielzahl der unterschiedlichen Konstrukte nachzuzeichnen. Am plausibelsten und am stärksten empirisch untermauert erscheint weiterhin die Interaktionshypothese (eng. interactionist hypothesis), die den Spracherwerbsprozess als einen Konstruktionsprozess versteht, der auf der einen Seite auf den Fähigkeiten des Lerners zur Konstruktion komplexer Systeme, auf der anderen Seite aber auch auf dem Input beruht, mit dem der Lerner während seiner Interaktionen in Berührung kommt. Die Theorie geht davon aus, dass es die Modifikationen in den Interaktionen zwischen Muttersprachlern, Lehrern und L2-Lernern sind, welche Erwerbsprozesse auslösen. Die Modifikationen machen den Input verständlich, ein verständlicher Input fördert Erwerbsprozesse, deshalb fördern Modifikationen in der Interaktion den Erwerbsprozess. Man kann auch sagen, dass das Herausgreifen einer bestimmten sprachlichen Struktur in der Interaktion diese fokussiert und damit den Lernprozess initiiert. Die zuletzt genannte Hypothese, die Teil der Interaktionshypothese ist wird auch als noticing hypothesis bezeichnet.

Abschließend zu diesem Abschnitt soll angemerkt werden, dass die L2-Forschung alle Formen von L2-Erwerb untersucht, sich also nicht auf eine Form beschränkt hat. Ausgangspunkt ist immer der L2-Lerner, wobei für die L-Forschung zunächst irrelevant ist, ob er die zweite Sprache in einem natürlichen oder institutionalisierten Kontext erwirbt. Die Untersuchungen der L2-Forschung heben prinzipiell auf den Erwerb einer zweiten Sprache ab, unabhängig davon, in welchem Kontext sie gelernt wird.   

Zweitsprachenerwerbsforschung und Fremdsprachendidaktik

Der aufmerksame Leser wird festgestellt haben, dass eine Vielzahl von Aspekten, die bei der Behandlung der Ergebnisse der L2-Forschung vorgestellt wurden, für die Fremdsprachendidaktik von allerhöchster Relevanz sind. Sie betreffen zwar primär den L2-Lerner, zeigen aber indirekt auch notwendige didaktisch-methodische Konsequenzen auf. Dies gilt zunächst vor allem für die interaktionistische Spracherwerbstheorie, die den kommunikativen Ansatz nicht nur bestätigt, sondern seine Relevanz im Hinblick auf die Bedeutung der Interaktion noch verstärkt. Die Diskussion um die Sprachbewusstheit, die uns seit Jahren begleitet, lässt sich mit dem Verständnis des Spracherwerbs als autonomem Prozess in Verbindung bringen.

Viele Erkenntnisse, die aus der Lernersprachenforschung stammen, spiegeln sich in der fremdsprachendidaktischen Diskussion, so z.B. die veränderte Perspektive im Hinblick auf Fehler, welche Lerner machen. Die neue Fehlerkultur, die sich an unseren Schulen zu entwickeln beginnt, ist auf die Untersuchungen der L2-Forschung zurückzuführen. Auch die Untersuchungen zu den Faktoren, die den L2-Erwerb beeinflussen, zeigen wichtige Konsequenzen, insbesondere die große Bedeutung, welche die Motivation nun für das Fremdsprachenlernen hat. Die Diskussion um den Altersfaktor hat letztendlich auch dazu geführt, dass wir den frühbeginnenden Fremdsprachenunterricht realistischer sehen als noch vor einigen Jahren. Und schließlich hat die detaillierte Analyse der Strategien, derer sich der Lerner beim Erwerb einer Sprache bedient, zu einem neuen Verständnis von Spracherwerb geführt und die Fremdsprachendidaktik dazu gebracht, Repertoires von Lern- und Arbeitstechniken zu entwickeln, die den Unterricht zu einer lernerorientierten Angelegenheit machen. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass das Verständnis für die Erwerbsprozesse von L2-Lernern, das uns die L2-Forschung ermöglicht, über die Jahre hinweg zu einer Revolution des Fremdsprachenunterrichts geführt hat.  

 

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