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1   Aufgaben und Ziele des Lateinunterrichts

Latein ist die Sprache der Römer; sie wurde über Jahrhunderte hinweg in allen Teilen des Imperium Romanum von Nordafrika bis in das heutige Großbritannien hinein gesprochen. In ihr wurden Verträge und Gesetze niedergeschrieben, Reden gehalten und bedeutende literarische Werke verfasst.
Auch nach dem Ende des römischen Reiches behielt die lateinische Sprache in Europa und anderen Teilen der Welt bis in die Neuzeit hinein als Sprache der Kirche, der Wissenschaft, der Verwaltung und des Rechts große Bedeutung. In den romanischen Sprachen, die sich kontinuierlich aus dem Lateinischen weiterentwickelt haben, sowie im Deutschen, Englischen und anderen europäischen Sprachen, die eine Vielzahl von Einzelelementen entlehnt haben, lebt die lateinische Sprache noch heute fort. Zahlreiche Fremdwörter und die wissenschaftliche Begrifflichkeit haben ihren Ursprung im Lateinischen. Insofern gilt Latein als Basissprache Europas.
Lateinische Texte eröffnen den Zugang zu einer in der Vergangenheit liegenden und in der Gegenwart wirksamen Welt. Sie befassen sich mit den jeweiligen Lebensbedingungen, mit gesellschaftlichen, politischen, kulturellen, religiösen und philosophischen Themen, mit menschlichen Erfahrungen und Schicksalen, mit Werten und Normen des Handelns. Sie spiegeln sowohl historisch und subjektiv bedingte Sichtweisen als auch Reflexionen und Erkenntnisse, die normative Kraft entfaltet und unsere Geisteswelt geprägt haben.
In einer zweieinhalbtausend Jahre langen Überlieferung von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit liegen lateinische Texte vor, an denen sich die Entwicklung zentraler Ideen verfolgen lässt. Ob es um grundsätzliche Fragehaltungen in der Wissenschaft, um Auffassungen vom Staatswesen, um verallgemeinerungsfähige Rechtsgrundsätze, um künstlerische Motive oder um das Wesen des Menschen, seine Würde und seine Verantwortung geht, in diesen und vielen anderen Bereichen lassen sich in der Antike die gemeinsamen Wurzeln und das kulturelle europäische Erbe entdecken, das von besonderer Bedeutung für die Identitätsbildung eines zusammenwachsenden Europas ist.

Eine zentrale Aufgabe des Lateinunterrichts und komplementär zum Unterricht in den modernen Fremdsprachen ist vor diesem Hintergrund die Befähigung der Schülerinnen und Schüler zur historischen Kommunikation. Unter Nutzung kognitiver und affektiver Zugangsmöglichkeiten treten die Schülerinnen und Schüler in einen Dialog mit dem lateinischen Text und erschließen seine Mitteilung. Sie setzen sich mit den vorgefundenen Aussagen und Fragestellungen auseinander, stellen Beziehungen her zu ihrer eigenen Zeit und Lebenssituation und suchen nach individuellen Antworten auf die Mitteilungen des Textes. Schülerinnen und Schüler entwickeln auf diese Weise Verständnis für fremde Vorstellungen und Handlungsweisen, sie erkennen Elemente von Kontinuität und Wandel, entdecken wichtige gemeinsame Grundlagen europäischer Kultur und erhalten dadurch Unterstützung bei der persönlichen Orientierung und Selbstbestimmung in der Gegenwart und Zukunft. Damit fördert der Lateinunterricht die kulturelle und interkulturelle Kompetenz der Schülerinnen und Schüler.

Latein ist als Gegenstand des Unterrichts keine Sprache, die der unmittelbaren Verständigung dient. Als überschaubares System stellt sie ein Modell von Sprache dar, das sich aufgrund der historischen Distanz in besonderer Weise für sprachreflektierendes Arbeiten anbietet. Das Verstehen lateinischer Texte erfolgt in einem differenzierten Erschließungs- und Übersetzungsprozess. Dieser setzt sichere Kenntnisse in Lexik, Morphologie und Syntax der lateinischen Sprache, methodische Fertigkeiten und Wissen aus den Bereichen der römischen Geschichte und Kultur und der Rezeption der Antike voraus. Der Erschließungs- und Übersetzungsprozess erfordert in besonderem Maße Genauigkeit, systematisches Vorgehen, überlegtes Abwägen von Alternativen und kritisches Beurteilen von Lösungsversuchen. Durch diese Art der Sprach- und Textreflexion, die ein wesentliches und spezifisches Element des Lateinunterrichts ist, entwickeln Schülerinnen und Schüler Lesekompetenz. Sie werden durch das sprachkontrastive Arbeiten in die Lage versetzt, die deutsche Sprache differenzierter zu gebrauchen. Semantische, strukturelle und methodische Zugangsmöglichkeiten erleichtern ihnen das Verstehen und Erlernen weiterer Fremdsprachen. Sie verfügen über Methoden ökonomischen und wissenschaftspropädeutisch orientierten Arbeitens.
Die Entwicklung dieser Fähigkeiten ist notwendig, wenn Jugendliche sich zu selbstständigen Persönlichkeiten heranbilden sollen, die den Aufgaben und Herausforderungen der modernen Lebenswelt gewachsen sind und Bereitschaft zeigen, in ihr Verantwortung zu übernehmen.

Die Entwicklung des vorliegenden Kernlehrplans mit verbindlichen Standards trägt diesen Anforderungen besonders Rechnung. Das Profil des Lateinunterrichts in der Sekundarstufe I (Jahrgangsstufen 5 – 9) ist deshalb gekennzeichnet durch

  • die Vermittlung der für das Verstehen lateinischer Originaltexte erforderlichen Sprach- und Übersetzungskompetenz,
  • die Befähigung der Schülerinnen und Schüler zu historischer Kommunikation und der damit verbundenen Ausbildung kultureller und interkultureller Kompetenz und
  • die gezielte Entwicklung von Transferwissen und Transferkompetenzen.

Dem Lateinunterricht werden deshalb die folgenden Leitziele zugrunde gelegt:

  • Er baut die lexikalischen, morphologischen, syntaktischen, fachterminologischen, altertumskundlichen und methodischen Kenntnisse und Kompetenzen systematisch und im erforderlichen Umfang auf, so dass Schülerinnen und Schüler am Ende der Jahrgangsstufe 9 in der Lage sind, mittelschwere lateinische Originaltexte (Latein ab Jahrgangsstufe 5), leichtere und mittelschwere lateinische Originaltexte (Latein ab Jahrgangsstufe 6) bzw. anspruchsvollere didaktisierte Texte (Latein ab Jahrgangsstufe 8) zu erschließen, zu übersetzen und zu interpretieren.
  • Er stellt sicher, dass die Schülerinnen und Schüler in Auszügen Kenntnis einzelner repräsentativer Werke der lateinischen Literatur im Original und Einblick in den Zusammenhang von Inhalt und Form, Intention und Wirkung erhalten.
  • Er vermittelt Kenntnisse zu zentralen Aspekten der römischen Geschichte und Kultur, zu einigen wesentlichen politischen und ethischen Leitbegriffen, zu wichtigen Elementen der antiken Rhetorik und Stilistik. An signifikanten Beispielen aus dem Bereich der lateinischen Sprache und der lateinischen Literatur verdeutlicht er den Sachverhalt von Rezeption und Tradition.
  • Im Sinne historischer Kommunikation entwickelt er die Bereitschaft und Fähigkeit, sich mit fremden Denkvorstellungen und Verhaltensweisen, Werten und Normen auseinanderzusetzen und dabei den eigenen Standpunkt zu reflektieren.
  • Er verschafft den Schülerinnen und Schülern einen Einblick in die aus der Antike herrührenden Grundlagen unserer europäischen Kultur und fördert die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Tradition und Gegenwart im interkulturellen Zusammenhang.
  • Er vermittelt den Schülerinnen und Schülern gezielt Ansatzpunkte und Möglichkeiten zur Ausbildung einer differenzierten Lesekompetenz, zur Erweiterung der Kommunikationsfähigkeit in der deutschen Sprache, zum Erlernen weiterer Fremdsprachen und zur Entwicklung von Formen des ökonomischen, kumulativen und selbstständigen Lernens und Denkens.

Fachlich-pädagogisch erfüllt der Lateinunterricht der Jahrgangsstufen 5 – 9 damit die folgenden Aufgaben:

  • Im Kontext einer mehrsprachigen Bildung greift er bewusst die dem Lateinischen innewohnenden Möglichkeiten einer Basissprache (Latein ab Jahrgangsstufe 5 und 6) und einer Bündelungssprache (Latein ab Jahrgangsstufe 8) auf und unterstützt die Schülerinnen und Schüler dabei, Mehrsprachigkeitsprofile auszubilden und ihre Fähigkeit, Sprachen zu lernen, im Sinne eines lebensbegleitenden Sprachenlernens weiterzuentwickeln. (Vgl. dazu Kapitel 3.2 und 3.3)
  • Er erschließt den Schülerinnen und Schülern bedeutende thematische, inhaltliche und ästhetische Dimensionen und fördert so die Ausbildung ihrer Möglichkeiten zur Teilhabe am kulturellen und interkulturellen Leben.
  • Durch die Vermittlung der erforderlichen Sach- und Methodenkompetenz zur Lösung sprachlich und kognitiv anspruchsvollerer Aufgabenstellungen bereitet er Schülerinnen und Schüler auf die Anforderungen und die Arbeitsweisen in der gymnasialen Oberstufe vor.
  • Er fördert gezielt Selbstständigkeit und Selbstverantwortung beim Lernen.

Zur Sicherung vergleichbarer Qualitätsstandards enthält der vorliegende Kernlehrplan

  • ein Anforderungsprofil für das Ende der Sekundarstufe I (Kapitel 2), das zugleich die fachlichen Voraussetzungen für die Fortsetzung des Lateinunterrichts in Kursen der gymnasialen Oberstufe vorgibt,
  • eine Beschreibung der nachzuweisenden Kompetenzen für den Lateinunterricht ab Jahrgangsstufe 6 (L6) und ab Jahrgangsstufe 8 (L8), die nach den Bereichen Sprachkompetenz, Textkompetenz, Kulturkompetenz und Methodenkompetenz gegliedert sind; hierbei wird das Fortwirken der lateinischen Sprache, Literatur und Kultur durchgängig berücksichtigt (Kapitel 3),
  • ein Profil des Lateinunterrichts ab Jahrgangsstufe 5 (L5) (Kapitel 3),
  • die Standards verdeutlichende exemplarische Aufgabentypen (Kapitel 4),
  • Ausführungen zur Leistungsbewertung (Kapitel 5).

Von den o. g. Zielen des Lateinunterrichts lässt sich die im Folgenden skizzierte inhaltlich-methodische Gestaltung ableiten:
Im Zentrum des Unterrichts steht die Arbeit an lateinischen Texten. Das Verstehen lateinischer Texte und die Auseinandersetzung mit ihnen erfolgen durch die Vorgänge der Erschließung, Übersetzung und Interpretation. Der systematische Aufbau sicherer Kenntnisse von Wortschatz und Grammatik der lateinischen Sprache und der erforderlichen Kulturkenntnisse als Verstehensvoraussetzung hat Grundlagenfunktion und ist zugleich Bezugsrahmen für die Textarbeit.
Die Inhalte der lateinischen Texte beziehen sich grundsätzlich auf alle Vorstellungs- und Lebensbereiche der antiken Welt und ihres Fortwirkens in Mittelalter und Neuzeit. Die am Ende der Jahrgangsstufen 8 und 9 für die Lehrgänge Latein ab Jahrgangsstufe 5 und Latein ab Jahrgangsstufe 6 für die Bereiche des Faches ausgewiesenen Kompetenzen werden in der Jahrgangsstufe 8, 2. Halbjahr (L5) durch die kontinuierliche Lektüre erleichterter und leichterer Originaltexte, in der Jahrgangsstufe 9 durch die kontinuierliche Lektüre mittelschwerer lateinischer Originaltexte (L5) bzw. durch die kontinuierliche Lektüre leichterer und mittelschwerer lateinischer Originaltexte (L6) erworben. Darauf baut die kontinuierliche Lektüre inhaltlich und sprachlich anspruchsvoller lateinischer Originaltexte in der gymnasialen Oberstufe auf. Im Sinne der historischen Kommunikation erfolgt die Lektüre dabei in thematischen und problemorientierten Sequenzen. Die Themen und Probleme der einzelnen Sequenzen werden in der Regel an Texten eines zentralen Autors entfaltet. Eine Anreicherung mit ergänzenden Materialien, die der vertieften Auseinandersetzung dienen, bietet sich dabei an. Innerhalb der Sequenzen sind in der Jahrgangsstufe 9 Texte und Autoren der klassischen römischen Literatur (etwa 1. Jh. v. Chr. bis 1. Jh. n. Chr.) mindestens im Umfang eines halben Lektürejahres vertreten. Dabei können auch leichtere poetische Texte berücksichtigt werden. Innerhalb eines Schuljahres erscheint die Durchführung von zwei bis vier thematischen Sequenzen sinnvoll.

Für die Lektüre leichterer Originaltexte können verschiedene Autoren, Texte und Textsammlungen aus unterschiedlichen Epochen im Unterricht eingesetzt werden, z. B. Hyginus, Fabulae; Historia Apollonii regis Tyri; Texte aus der Vulgata; Texte aus den Gesta Romanorum; Jacobus de Voragine, Legenda aurea.
Für die Lektüre mittelschwerer Originaltexte bieten sich z. B. folgende Autoren und Texte an: Phaedrus, Fabeln; Martial, Epigramme; Cornelius Nepos, Biographien; Curtius Rufus, Historiae Alexandri Magni Macedonis; Caesar, Commentarii de bello Gallico; Einhard, Vita Karoli Magni; Erasmus, Colloquia familiaria; Apophthegmata; Amerigo Vespucci, Mundus Novus; Busbecq, Legationis Turcicae epistolae IV (Briefe aus der Türkei).
Zusätzlich können auch lateinische Sachtexte in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden aus verschiedenen Bereichen wie z. B. Medizin, Naturwissenschaften, Recht und Architektur berücksichtigt werden.

In der methodischen Gestaltung sollen aktuelle Prinzipien des Lehrens und Lernens zum Einsatz kommen. Dazu gehören in Verbindung mit dem Prinzip der Orientierung an der historischen Kommunikation insbesondere die Prinzipien der Schülerorientierung, der Inhaltsorientierung und der fachspezifischen Methodenorientierung. Gleichermaßen werden Verfahren zur Förderung des selbstreflexiven und selbstständigen Lernens berücksichtigt. Sozial- und Arbeitsformen werden adressaten-, alters- und sachangemessen eingesetzt.

Dem Sachverhalt, dass Schülerinnen und Schüler, die von der Grundschule kommen, bereits über Englischkenntnisse verfügen, wird dadurch Rechnung getragen, dass die in der Zusammenarbeit von Latein-, Englisch- und Deutschunterricht zu erzielenden Synergieeffekte für das Sprachenlernen und die Förderung von Mehrsprachigkeit bei der Beschreibung der Kompetenzen berücksichtigt sind.

Die kulturelle und sprachliche Vielfalt, die in den Lerngruppen vorhanden ist, wird im Rahmen der Aufgaben und Ziele des Lateinunterrichts gezielt genutzt.

Die Formulierung verbindlicher Standards im Fach Latein für die Sekundarstufe I spiegelt den aktuellen Stand der Fachdiskussion über Ziele, Aufgaben, Methoden und Organisationsformen des altsprachlichen Unterrichts wider und definiert in diesem Sinn begründete Qualitätsstandards. Auf diesen Qualitätsstandards bauen in der gymnasialen Oberstufe zu vermittelnde Kompetenzen auf, deren Erreichen Voraussetzung für die Vergabe des Latinum ist.

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