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1 Aufgaben und Ziele des Faches

Die alten Sprachen Lateinisch, Griechisch und Hebräisch gehören zum sprachlich-literarisch-künstlerischen Aufgabenfeld in der gymnasialen Oberstufe. Im Zentrum des Unterrichts in den alten Sprachen steht die Arbeit mit Texten, die aus der Antike und ggf. späteren Epochen überliefert sind. Die Texte berühren Grundfragen menschlicher Existenz und gesellschaftlicher Zusammenhänge und Entwicklungen. Sie haben grundlegende Bedeutung für die europäische Geisteswelt und sind angesichts eines enger zusammenwachsenden Europas von ungebrochener Aktualität. In einem Prozess des Verstehens und der dialogischen Auseinandersetzung werden die Texte in den Bewusstseinshorizont des heutigen Rezipienten überführt. Dieser Prozess wird als historische Kommunikation bezeichnet.

Im Rahmen der von allen Fächern zu erfüllenden Querschnittsaufgaben tragen insbesondere auch die Fächer des sprachlich-literarisch-künstlerischen Aufgabenfeldes im Rahmen der Entwicklung von Gestaltungskompetenz zur kritischen Reflexion geschlechter- und kulturstereotyper Zuordnungen, zur Werteerziehung, zur Empathie und Solidarität, zum Aufbau sozialer Verantwortung, zur Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft, zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen, auch für kommende Generationen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung, und zur kulturellen Mitgestaltung bei. Darüber hinaus leisten sie einen Beitrag zur interkulturellen Verständigung, zur interdisziplinären Verknüpfung von Kompetenzen, auch mit gesellschafts- und naturwissenschaftlichen Feldern, sowie zur Vorbereitung auf Ausbildung, Studium, Arbeit und Beruf.

Hebräisch ist die einzige nicht indoeuropäische Sprache, die zum traditionellen Sprachenprogramm des Gymnasiums gehört – und das seit dem Humanismus, einzig unterbrochen durch die nationalsozialistische Diktatur. Zugleich ist es die einzige Sprache, die seit der Antike bis heute kontinuierlich und kaum verändert von einer Bevölkerungsgruppe im abendländischen Europa verwandt wird. Nach Jahrhunderten überwiegend liturgie- und literatursprachlicher Verwendung ist Hebräisch im Staat Israel auch wieder Umgangssprache geworden.

Der Hebräischunterricht eröffnet Schülerinnen und Schülern einen Zugang zu Wirklichkeitserfahrungen im Medium einer semitischen Sprache. Als solche hat das Hebräische einen hohen Grad an Kontinuität über gut 3000 Jahre aufzuweisen. Aus der umfangreichen hebräischen Literatur hebt sich – ausgezeichnet durch eine sprachliche und literarische Geschlossenheit, ihren Charakter als Basistext für Judentum und Christentum sowie durch ihre eminente existenzielle und kulturgeschichtliche Bedeutung – die Hebräische Bibel (der Tanach: תנ"ך) heraus. Im Mittelpunkt des Unterrichts stehen daher die Beschäftigung mit exemplarischen Texten der Hebräischen Bibel sowie die Auseinandersetzung mit ihrer doppelten Auslegungs- und Wirkungsgeschichte, auch anhand von Rezeptions- und Vergleichsdokumenten aus späteren Sprachstufen des Hebräischen.

Eine zentrale Aufgabe des Hebräischunterrichts ist vor diesem Hinter­grund die Befähigung der Schülerinnen und Schüler zur

historischen Kommunikation.

Geleitet von kognitiven und affektiven Zugangsmöglichkeiten treten die Schülerinnen und Schüler in einen Dialog mit dem hebräischen Text ein und erschließen seinen Gehalt. Sie setzen sich mit seinen Aussagen und Fragestellungen auseinander, stellen Beziehungen zu ihrer eigenen Zeit und Lebenssituation her und nehmen dazu Stellung. Schülerinnen und Schüler entwickeln auf diese Weise Verständnis für zunächst fremde Vorstellungen, Handlungsweisen und Normen, sie erkennen Elemente von Kontinuität und Wandel, entdecken wichtige gemeinsame Grundlagen der europäischen Tradition und erhalten dadurch Hilfe zur persönlichen Orientierung. Die objektive Vielzahl möglicher Auslegungen schafft eine Grundlage für die Entwicklung von Toleranz und gegenseitigem Respekt. Damit fördert der Hebräischunterricht, vergleichbar mit dem Unterricht des Lateinischen und Griechischen, die kulturelle und interkulturelle Kompetenz der Schülerinnen und Schüler.

Als semitische Sprache stellt Hebräisch ein spezifisches Modell von Sprache dar, das von dem der indoeuropäischen deutlich abweicht. Auf­grund der linguistischen Distanz und weil die Beschäftigung mit dem Hebräischen im Unterricht in der Regel nicht der unmittelbaren Verstän­digung dient, eignet es sich in besonderer Weise kontrastdidaktisch für sprachreflektorische Betrachtungen und leistet damit einen wichtigen Bei­trag zur Sprachbewusstheit.

Darüber hinaus schafft der Hebräischunterricht im Sinne einer vermittelten Sprachlernkompetenz eine gute Grundlage für das aktive Erlernen der modernen hebräischen Sprache. Umgekehrt ist auch, aufgrund der hohen grammatischen und lexikalischen Kontinuität der verschiedenen Sprachstufen, das Erlernen des biblischen Hebräisch ausgehend vom modernen Hebräisch möglich.

In jedem Falle eröffnet sich in der unterrichtlichen Arbeit ein Zugang zu Zeugnissen späterer Sprachstufen des Hebräischen bis hin zu denen der modernen Sprache des Staates Israel. Auf diese Weise gehören auch Geschichte und Gegenwart des Judentums zu den zentralen Anliegen des Faches.

Das Verstehen hebräischer Texte erfolgt zunächst in einem differenzierten Erschließungs- und Übersetzungsprozess. Dieser Prozess erfordert systematisches (methodengeleitetes) Vorgehen und, gerade vor dem Hintergrund der Unterdeterminiertheit vieler hebräischer Formen und Syntagmen sowie der grundsätzlichen Fremdheit der hebräischen Sprache, kritisches Abwägen von Lösungsversuchen. Durch die intensive Sprach- und Textreflexion werden Schülerinnen und Schüler auch in die Lage versetzt, die deutsche Sprache bewusster und differenzierter zu gebrauchen.

Die Interpretation hebräischer Texte geschieht einerseits unter Anwen­dung allgemeiner methodischer Fertigkeiten der Textanalyse und ist an­dererseits nicht denkbar ohne die Kenntnis spezifischer Merkmale und Strukturen biblischer Texte der verschiedenen literarischen Gattungen. Die Geschlossenheit und der überschaubare Umfang der Hebräischen Bibel machen sie zu einem idealen Lernfeld intertextuellen Interpretierens. Hinzu muss Wissen aus den Bereichen der Geographie des Nahen Ostens sowie der altorientalischen Geschichte und Kultur kommen.

Die Bedeutung der Texte ist nur unter Beachtung ihres theologischen Charakters zu erfassen. Dazu gehört das Bewusstsein, dass es sich im jüdischen und christlichen Verständnis um heilige Schriften handelt, aller­dings auf je verschiedene Weise. Im Hebräischunterricht sind sie nicht Gegenstand einer ausschließlich an theologischen Fragestellungen orientierten Auslegung. Als legitimer Gegenstand des sprachlich-litera­risch-künstlerischen Aufgabenfeldes sind sie als grundlegende Angebote für die Deutung menschlicher Existenz zu verstehen, die das abendländi­sche Denken in vielfältiger Weise beeinflusst haben und bis in die Gegen­wart hinein in den verschiedensten Bereichen ihre Wirkung entfalten.

Hebräisch wird als neu einsetzende Fremdsprache in vierstündigen Grundkursen vom Beginn der Einführungsphase bis zum Ende der Qualifikationsphase unterrichtet.

Das Hebraicum kann in zeitlichem Zusammenhang mit der Abiturprüfung auf dem Wege einer Prüfung, die einer Prüfung zum Erwerb des Hebraicums entspricht, erworben werden.

Die für den Erwerb des Hebraicums erforderlichen Kompetenzen bzw. das Prüfungsverfahren sind durch Erlass des Ministeriums für Schule und Weiterbildung geregelt.

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© 2019 Qualitäts- und UnterstützungsAgentur - Landesinstitut für Schule - Letzte Änderung: 14.02.2014