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Dimensionen des Begriffs Geschlecht

Geschlecht ist ein komplexer und mehrdimensionaler Begriff, der je nach Perspektive von verschiedenen Menschen unterschiedlich verstanden wird. In der wissenschaftlichen Diskussion wird häufig eine biologische bzw. körperliche von einer sozialen bzw. gesellschaftlichen Dimension unterschieden (vgl. z. B. Projektgruppe Genderportal der Universität Bielefeld). Während der deutsche Begriff Geschlecht insoweit nicht differenziert, werden im englischsprachigen Raum die biologischen Facetten von Geschlecht in der Regel als sex bezeichnet, während der Begriff gender die soziale bzw. gesellschaftliche Dimension von Geschlecht zum Ausdruck bringt. Danach kommen zu dem biologischen Geschlecht eine Vielzahl von Zuschreibungen und Verhaltensweisen hinzu, die als männlich oder weiblich bewertet werden. Als Bezeichnung für das durch Gesellschaft und Kultur geprägte soziale Geschlecht ist der Begriff Gender inzwischen auch im deutschsprachigen Raum etabliert. Mit der Unterscheidung dieser Dimensionen soll verdeutlicht werden, dass mit dem Geschlecht einhergehende Vorstellungen und Erwartungen gesellschaftlich geprägt und damit veränderbar sind.

Auch die Frage, was mit Geschlecht im biologischen Sinne gemeint ist, ist nicht frei von sozialen Normen. In unserer Gesellschaft war lange Zeit die Vorstellung vorherrschend, dass es nur zwei – biologisch klar abgrenzbare – Geschlechter gibt. Mittlerweile wird Geschlecht aus biologischer Perspektive jedoch als mehrdimensionales Phänomen betrachtet, welches Faktoren wie körperliches Erscheinungsbild, Chromosomen, innere und äußere Geschlechtsorgane und Hormonkonzentrationen umfasst und sich von Mensch zu Mensch unterscheidet (vgl. z. B. Voß 2010). Entsprechend besteht innerhalb der Geschlechtergruppen eine große Varianz. Manchmal ist eine eindeutige biologische Zuordnung zum weiblichen oder männlichen Geschlecht auch nicht möglich. Dies wird als Intergeschlechtlichkeit oder Intersexualität (teilweise auch „drittes Geschlecht“) bezeichnet. Das Bundesverfassungsgericht hat mit seinem Urteil vom 10.10.2017 erklärt, dass das allgemeine Persönlichkeitsrecht auch die geschlechtliche Identität derjenigen schützt, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen. Im Zuge dessen wurde die Möglichkeit geschaffen, im Personenstandsregister die Angabe „divers“ eintragen zu lassen. Viele Fragen des diskriminierungsfreien Umgangs mit intergeschlechtlichen Menschen sind Gegenstand aktueller gesellschaftlicher Diskussion.

Eine weitere Form geschlechtlicher Vielfalt besteht darin, dass manche Menschen sich nicht oder nicht vollständig mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen aufgrund körperlicher Merkmale bei der Geburt zugewiesen wurde. Dies wird als Transidentität, Transgender oder Transsexualität bezeichnet. Beispielsweise werden manche Menschen mit weiblichen Geschlechtsorganen geboren und dem weiblichen Geschlecht zugeordnet, fühlen sich jedoch als Junge bzw. Mann oder umgekehrt. Manche Menschen fühlen sich auch beiden Geschlechtern oder gar keinem binären Geschlecht zugehörig. Neben der biologischen und sozialen Dimension von Geschlecht existiert also noch eine identitätsbezogene Dimension.

Unabhängig vom Geschlecht ist es wichtig, dass sich alle Menschen bestmöglich entfalten können, Akzeptanz erfahren, eine positive Identität entwickeln und sich nicht durch geschlechterbezogene Erwartungen einschränken lassen. Hierfür ist es förderlich, dass sie sich reflexiv mit geschlechterbezogenen Erwartungen und Einschränkungen auseinandersetzen.

Verwendete Literatur

  • Projektgruppe Genderportal der Universität Bielefeld (o. J.): Gender; Was bedeutet eigentlich gender?, unter: https://uni-bielefeld.de/gendertexte/gender.html
  • Voß, Heinz-Jürgen (2019): Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologischmedizinischer Perspektive, Bielefeld.

Weiterführende Literatur

  • Degele, Nina (2008): Gender / Queer Studies. Eine Einführung. Paderborn.
  • Wetterer, Angelika (2010): Konstruktion von Geschlecht: Reproduktionsweisen der Zweigeschlechtlichkeit, in: Becker, Ruth/ Kortendiek, Beate (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden, S. 126-136.
  • Villa, Paula-Irene (2012): Feministische und Geschlechtertheorien, in: Kampshoff, Marita/ Wiepcke, Claudia (Hrsg.): Handbuch Geschlechterforschung und Fachdidaktik, Wiesbaden, S. 39-52.
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