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Zum Unterrichtsvorhaben 6.1: 1. Sequenz: Über ein sensationelles Ereignis berichten

Das Differenzierungsprinzip des ergänzenden Arbeitens wird am Beispiel des reziproken Lesens im Rahmen des Unterrichtsvorhabens „6.1.1 Über ein sensationelles Ereignis berichten“ vorgestellt. Das reziproke Lesen, auch wechselseitiges Lesen genannt, kann in unterschiedlichen Klassenstufen der Sekundarstufe I eingesetzt werden.

Voraussetzung für diese Methode ist, dass alle Schülerinnen und Schüler im Bereich der Leseflüssigkeit fortgeschritten sind.

Impulse zum zieldifferenten Lernen

Das reziproke Lesen ist für Schülerinnen und Schüler, die gravierende Rückstände im Leseverständnis zeigen, prinzipiell geeignet. Eine individuelle Diagnostik der Leseentwicklung ist zu empfehlen. Im Rahmen des Angebotes der QUA-LiS zur Lern- und Entwicklungsplanung findet sich ein Beispiel für eine mögliche Form der Lesediagnostik .

Um von der Methode des reziproken Lesens profitieren zu können, müssen die Schülerinnen und Schüler über ausreichend Dekodierfähigkeiten verfügen. Im Bedarfsfall muss das flüssige und fehlerfreie Lesen systematisch gefördert werden.

Zur Förderung der Leseflüssigkeit hat sich die Methode der „Lautlesetandems“ bewährt. Hierbei handelt es sich um ein Verfahren mit einem festen Ablauf, der durch klare Regeln gegliedert ist und unmittelbares Feedback im Lernprozess verankert hat. Dabei begleitet ein starker Leser als Trainer einen schwächeren Leser, der als Sportler an der Steigerung seiner Leseflüssigkeit arbeitet.

Grundsatz: Unterschiedliche Kompetenzen werden genutzt bzw. gefördert. Individuelle Zuwendung durch differenzierte personelle Ressourcen (soziale Differenzierung). Durch das Schülertutorensystem lässt sich eine Intensivdifferenzierung ermöglichen.

Das Textmaterial, welches hier für das reziproke Lesen vorgesehen ist, kann ebenso für die Methode „Lautlesetandems“ genutzt werden.

Komplexe Sachtexte zu erschließen ist für Schülerinnen und Schüler eine Herausforderung. Die Methode des reziproken Lesens kann sie bei der Bewältigung dieser Texte unterstützen. Durch die gemeinsame Arbeit wird erreicht, dass leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler ihr Textverständnis durch Kommunikation über den Text vertiefen und leistungsschwächere Einblicke in das Vorgehen von geübteren Lesern gewinnen.

Zur Methode

Beim reziproken Lesen wird ein Sachtext von Schülerinnen und Schülern gemeinsam erarbeitet. Dies erfolgt abschnittsweise entlang des Textes, indem sie abwechselnd verschiedene Aufgaben zur Erschließung des Textes übernehmen.

Das reziproke Lesen verbindet folgende Lesestrategien miteinander:

  • ordnende (wichtige Textstellen markieren, Kernaussagen zusammenfassen),
  • elaborierende (Unverstandenes klären, Fragen zum Text formulieren) und
  • wiederholende (erneutes Lesen, Verstandenes erklären)

Dazu übernehmen die Schülerinnen und Schüler folgende Aufgaben, für die sie während der Gruppenarbeit Rollenkarten zur Unterstützung und Orientierung erhalten:

A. Ein Abschnitt des Sachtextes wird zusammengefasst. Die Zusammenfassung wird durch das Markieren von wichtigen Textstellen und Schlüsselwörtern vorbereitet.

B. Es werden Fragen an den Text gestellt. Orientierung bieten hier die W-Fragen.

C. Unbekannte Wörter und unklare Textstellen werden geklärt. Die Klärung findet zunächst im Textzusammenhang statt und wird gegebenenfalls durch Wörterbücher oder Internet ergänzt.

D. Zum Abschluss werden Vorhersagen getroffen, worum es im nächsten Textabschnitt vermutlich geht.

Durch den festgelegten Ablauf werden unterschiedliche Leseziele miteinander verbunden:

  • Der Text wird strukturiert und auf die wichtigen Kernaussagen reduziert.
  • Der Text wird mit Vorwissen in Beziehung gesetzt.
  • Die Text wird durch eine intensive Auseinandersetzung vertieft verstanden.

Das Verstehen des Textes entsteht bei dieser Methode vor allem durch die Kommunikation während der Erschließung des Textes, weil sich Schülerinnen und Schüler nicht nur intensiv mit dem Textinhalt auseinandersetzen, sondern auch kooperativ einen Sinn ermitteln und aushandeln.

Praktische Tipps für den Unterricht

Vorbereitend durch die Lehrkraft muss der von den Schülerinnen und Schülern zu bearbeitende Text in etwa gleich große Textabschnitte eingeteilt werden. Als praktisch hat sich erwiesen, wenn die Anzahl der Abschnitte durch die Schüleranzahl der Kleingruppen teilbar ist. Nach der Einteilung in 4er-Gruppen liest jede Schülerin/jeder Schüler den ersten Textabschnitt still für sich, der übrige Text muss dabei verdeckt sein. Nach dem wiederholten Lesen des Textes werden die Schülerinnen und Schüler beauftragt, wichtige Textstellen bzw. Schlüsselwörter zu markieren.

In der darauf folgenden Gruppenarbeit werden zunächst die Aufgaben A bis D durch die Rollenkarten in der Kleingruppe verteilt (siehe M1). Die Rollenkarten bleiben für alle in der Gruppe sichtbar auf dem Tisch liegen. Nachdem die Schülerinnen und Schüler die ihnen durch die Karte zugewiesene Teilaufgabe anhand des ersten Textabschnitts bearbeitet haben, wird der zweite Textabschnitt in Einzelarbeit gelesen und markiert. Die Rollenkarten und die dazugehörigen Aufgaben wechseln dann im Uhrzeigersinn. Die Bearbeitung der folgenden Textabschnitte erfolgt genauso. Erfahrungsgemäß ist es hilfreich, eine Schülerin/einen Schüler gleichzeitig die Rolle des Moderators übernehmen zu lassen, damit die Einhaltung der Abfolge sowie der vereinbarten Gesprächsregeln leichter fällt.

Einführen der Methode

Die Lehrkraft stellt zu Beginn eine der Strategien des wechselseitigen Lesens vor. Sie kann sie beispielsweise anhand eines Sachtextes durch lautes Denken demonstrieren. Die Strategie sollte passend zum jeweiligen Sachtext ausgeführt werden: Zum Beispiel „Der Textabschnitt handelt von ...“, „Wer macht laut Text ...?“, „Der Begriff X bedeutet ...“, „Ich glaube, im nächsten Abschnitt...“. In einem zweiten Schritt wird die Lerngruppe nun aktiv einbezogen, indem einzelne Schülerinnen oder Schüler die Strategie nun – in Anlehnung an die Demonstration der Lehrkraft – vormachen. In dieser Phase kann die Lehrkraft unterstützend einwirken. Die übrigen Strategien werden auch auf diese Art und Weise eingeführt und trainiert.

Zum Einsatz des Beispieltextes im Rahmen des Unterrichtsvorhaben 6.1

Die Schülerinnen und Schüler sollen zu folgendem sensationellen Ereignis einen Bericht schreiben:

Sensation im Zoo

- Wer? Zweifinger-Faultier Julius (11 Jahre), Zoobesucher Mats (6 Jahre)

- Was? Beim Klettern fasste das Faultier daneben und fiel dem Schulkind Mats direkt auf den Kopf. Dadurch überlebte das Faultier den Sturz vom Baum ohne Verletzungen.

- Wo? Dortmunder Zoo

- Warum? Durch Krankheit war das Faultier geschwächt, deshalb konnte es sich nicht auf dem Baum halten.

- Wann? Herbstferien 2016

Quelle: QUA-LiS, Informationen basieren auf: https://www.welt.de/regionales/nrw/article159543947/Muedes-Faultier-faellt-kleinem-Jungen-auf-den-Kopf.html [21.11.2016]

Doch bevor die Schülerinnen und Schüler dieses leisten können, benötigen sie Hintergrundinformationen zum Thema. Mittels des reziproken Lesens erschließen sie sich einen Sachtext über Faultiere.

Damit möglichst alle Schülerinnen und Schüler die Herausforderungen des Beispieltextes ‚Faultier‘ bewältigen können, wurde der Beispieltext für leseschwächere Schüler entlastet – ohne damit seine Herausforderungen gänzlich zu tilgen.

Der Beispieltext ist auf drei Niveaus differenziert worden: Den unveränderten Originaltext für starke Leser, eine entlastete Textvariante, bei der behutsam in den teilweise komplexen Satzbau eingegriffen wurde, sowie eine modifizierte Version der entlasteten Textvariante, bei der zusätzlich die Schlüsselbegriffe hervorgehoben sowie Kategorien zur Verständniserleichterung ergänzt wurden.

Dennoch sind einige Ausdrücke belassen worden, wie z.B. hangeln, Geäst und Baumkrone, die Schülerinnen und Schülern vermutlich Schwierigkeiten bereiten werden. Hier können die Schülerinnen und Schüler das Nachschlagen im Wörterbuch oder Internet trainieren.

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© 2019 Qualitäts- und UnterstützungsAgentur - Landesinstitut für Schule - Letzte Änderung: 20.09.2018